{"id":24693,"date":"2013-05-01T21:46:45","date_gmt":"2013-05-01T19:46:45","guid":{"rendered":"https:\/\/kunstverein.advancedmagic.de\/?p=24693"},"modified":"2025-09-07T21:50:22","modified_gmt":"2025-09-07T19:50:22","slug":"jose-salinas-corpus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kunstverein-bamberg.de\/index.php\/2013\/05\/01\/jose-salinas-corpus\/","title":{"rendered":"Jos\u00e9 Salinas &#8211; Corpus"},"content":{"rendered":"<section class=\"l-section wpb_row height_medium\"><div class=\"l-section-h i-cf\"><div class=\"g-cols vc_row via_grid cols_1 laptops-cols_inherit tablets-cols_inherit mobiles-cols_1 valign_top type_default stacking_default\"><div class=\"wpb_column vc_column_container\"><div class=\"vc_column-inner\"><h3 class=\"w-text\"><span class=\"w-text-h\"><span class=\"w-text-value\">Jos\u00e9 Salinas &#8211; Corpus<\/span><\/span><\/h3><div class=\"w-text us_custom_9de87d4e\"><span class=\"w-text-h\"><span class=\"w-text-value\">Foyer des E.T.A.-Hoffmann-Theaters 05.2013<\/span><\/span><\/div><div class=\"w-separator size_small\"><\/div><div class=\"wpb_text_column\"><div class=\"wpb_wrapper\"><p>Ansprache zur Er\u00f6ffnung der Ausstellung<br \/>\nJos\u00e9 Salinas \u201eCorpus\u201c<br \/>\n16. Mai 2013<br \/>\nKunstverein Bamberg e.V. im ETA Hoffmann-Theater Bamberg<br \/>\nvon Barbara Leicht M.A., Kunstmuseum Erlangen<br \/>\nMeine sehr geehrten Damen und Herren,<br \/>\nJos\u00e9 Salinas ist Architekt und K\u00fcnstler. Er zeigt in seiner Schau \u201eCorpus\u201c anthropomorphe<br \/>\nFormen auf \u00fcber 30 Werken aus den Jahren 2009 bis 2013, nur zwei stammen aus dem Jahr<br \/>\n2005.<br \/>\nDas Ph\u00e4nomen des menschlichen K\u00f6rpers ist das Zentrum dieser Arbeiten, in denen Salinas<br \/>\nsein Verst\u00e4ndnis von K\u00f6rperlichkeit er\u00f6rtert, basierend auf dem \u201eVitruvianischen Menschen\u201c,<br \/>\nden Sie sicher alle kennen. Vitruv schrieb im ersten Jh. v. Chr. Zehn B\u00fchcer \u00fcber die<br \/>\nArchitektur \u201ede architectura libri decem\u201c. Dort findet sich die Proportionsbeschreibung eines<br \/>\nmenschlichen K\u00f6rpers ohne Abbildung. Erst in der Renaissance machte Leonardo da Vinci<br \/>\nvon der Beschreibung des \u201ehomo bene figuratus\u201c Gebrauch und schuf eine bis heute g\u00fcltige<br \/>\nAbbildung, die es unter anderem bis auf unsere Krankenversicherungskarten geschafft hat.<br \/>\nDiese Proportionslehre des Vitruv gr\u00fcndet auf der Einbeschreibung eines menschlichen<br \/>\n(m\u00e4nnlichen) K\u00f6rpers zeitgleich in ein Quadrat und einen Kreis. Eine \u00e4sthetisch-geometrische<br \/>\nDenkweise.<br \/>\nDiesem K\u00f6rper steht der \u201eEuklidische K\u00f6rper\u201c gegen\u00fcber. Letzterer ist ein konstruierter,<br \/>\ngeordneter K\u00f6rper im Sinne der synthetischen Geometrie, in der alle geometrischen Objekte<br \/>\nwie Linien, Punkte oder Formen durch ihre Beziehungen zueinander definiert werden \u2013 in<br \/>\naller K\u00fcrze beschrieben. Bitte zwingen Sie mich nicht zu Beweisen und Berechnungen, leider<br \/>\nbin ich der h\u00f6heren Mathematik nicht m\u00e4chtig.<br \/>\nAuf der Grundlage des Vitruvianischen Menschen, der Kunstgeschichte und der antiken resp.<br \/>\nneuzeitlichen Proportionslehre arbeitet Salinas an der Aufl\u00f6sung des klassischen \u201eCorpus\u201c.<br \/>\nSeine Arbeiten sind ausschlie\u00dflich per Animationsprogramm entstanden. Der<br \/>\nAnthropozentrismus ist in der virtuellen Kunst angekommen.<br \/>\nDem K\u00fcnstler geht es nicht um eine veristische Wiedergabe eines modernen Menschen,<br \/>\nauch will er keinen Avatar schaffen, selbst wenn dies so anmuten mag. Er interpretiert<br \/>\nK\u00f6rperlichkeit, also den Leib des Menschen mit den Mitteln des 21. Jh.<br \/>\nSalinas versteht K\u00f6rper als R\u00e4ume, die durch \u00e4u\u00dfere Einfl\u00fcsse geformt werden und nicht wie<br \/>\nein nat\u00fcrlicher menschlicher K\u00f6rper durch die Evolution.<br \/>\nDiese K\u00f6rper sind der Interaktion verschiedenster Systeme unterworfen. Eine ganze Reihe<br \/>\nvon Parametern wirken von au\u00dfen auf die figurativen Anmutungen ein, die einerseits den<br \/>\nKontext des menschlichen K\u00f6rpers bewahren, sich aber andererseits beginnen zu ver\u00e4ndern,<br \/>\naufzul\u00f6sen und sich vom Formalismus befreien.<br \/>\nDurch Salinas Einwirken entstehen topologische K\u00f6rper.<br \/>\nDie Topologie ist die mathematische Lehre von Orten, sie hat nichts mit der Topographie zu<br \/>\ntun, die die Oberfl\u00e4chenstruktur von z.B. Landschaften vermisst. Topologie er\u00f6rtert die<br \/>\nEigenschaften in einem mathematischen Raum, der st\u00e4ndigen Ver\u00e4nderungen unterworfen<br \/>\nist.<br \/>\nSie werden bemerken, dass ich weit abschweife von einer kunstgeschichtlichen Terminologie<br \/>\nund dass ich gezwungen bin, Ihnen die komplexen Bildwelten des Jos\u00e9 Salinas mit einigen<br \/>\nnicht ganz allt\u00e4glichen Begriffen n\u00e4her zu bringen.<br \/>\nDer K\u00fcnstler entwickelte f\u00fcr seine umfassenden Studien das Knowledge Based System-<br \/>\nDesign. In der \u00dcbersetzung bieten sich zwei M\u00f6glichkeiten an: Knowledge f\u00fcr das Wissen<br \/>\naber auch f\u00fcr die Erkenntnis als philosophischen Begriff.<br \/>\nAlles, was Sie hier sehen, alles, was Salinas generiert, entsteht per Computerprogramm. Dort<br \/>\nmanipuliert er Punkte, Linien und Formen zu K\u00f6rpern, deren Grundform menschlich<br \/>\nproportioniert ist. Dennoch legt der K\u00fcnstler keinen Wert auf Details, denn seine Form ist<br \/>\nantropomorph und somit selbsterkl\u00e4rend.<br \/>\nMit diesem \u201eKniff\u201c gelingt es ihm, den Blick des Rezipienten auf seine Bilder zu lenken. Denn<br \/>\ndie Kunst lehrt uns, dass wir uns in jedem Bild mit einer menschlichen Figuration selbst<br \/>\nfinden, uns damit leichter, lieber auseinandersetzen und beginnen, die Inhalte zu<br \/>\nhinterfragen.<br \/>\nEin topografisch bestimmter Umgebungsraum, den wir zumeist von klassischen Gem\u00e4lden<br \/>\nkennen, wird aufgegeben. Der K\u00f6rper selbst definiert den Raum und die \u00e4u\u00dferen Einfl\u00fcsse<br \/>\ndefinieren ihn. Salinas verzichtet komplett auf perspektivische Versatzst\u00fccke, denn seine<br \/>\nKorpora sind wahrhaft komplex genug, um Volumina und Tiefe auszudr\u00fccken. Sie vereinigen<br \/>\nalle Ebenen eines herk\u00f6mmlichen Bildes in ihrer k\u00f6rperhaften Anmutung.<br \/>\nBilder mit extraordin\u00e4rer Aussagekraft entstehen, wahrhaft recht ungewohnt.<br \/>\nWie Sie sicher bemerkt haben, scheint hinter diesen Werken mehr als nur die Absicht zu<br \/>\nstecken, eine K\u00f6rperh\u00fclle zu zeigen \u2013 Knowledge gleich Erkenntnis.<br \/>\nIn sequentiellen Arbeiten wie den \u201eSynchronic Bodies\u201c beispielsweise l\u00e4sst Salinas zwei<br \/>\nK\u00f6rper sich parallel ver\u00e4ndern, von zun\u00e4chst recht geschlossenen Formen mit flie\u00dfenden<br \/>\nOberfl\u00e4chen hin zu komplizierten Anmutungen mit linear differenzierten Binnenstrukturen.<br \/>\nSalinas beruft sich auf Barcode und bin\u00e4res System und entwickelt damit eine eigene<br \/>\nIkonografie. Der Barcode darf als Tr\u00e4ger individueller Informationen gesehen werden. Es ist<br \/>\nalso in diesem Falle nicht die Physiognomie eines Menschen, die ihn definiert \u2013 Sie h\u00f6rten ja<br \/>\nsoeben, dass Salinas auf naturalistische Einzelheiten keinen Wert legt. Stattdessen<br \/>\nverwendet der K\u00fcnstler ein Verfahren, das wir aus der Vielfalt unserer Warenwelt kennen und<br \/>\nsetzt es ein, um die Individualit\u00e4t eines Wesens zu kennzeichnen.<br \/>\nDie K\u00f6rper kommunizieren miteinander, auch scheinen sie sich gemeinsam der Aufl\u00f6sung<br \/>\nhinzugeben.<br \/>\nEin wenig Kunstgeschichte wird bemerkbar: Die Vanitas, die Verg\u00e4nglichkeit. Nichts ist ewig.<br \/>\nHier l\u00e4sst sich Tradition sp\u00fcren, entstammt Salinas doch dem katholischen Spanien mit<br \/>\ndramatischen, figurativen Bildprogrammen, unter anderem im Barock. Selbst wenn er es<br \/>\nleugnen w\u00fcrde, postuliere ich, kann er sich nicht ganz von dieser Tradition abwenden.<br \/>\nDer Mensch ist ein visuell Wahrnehmender und gerade seine ersten Eindr\u00fccke sind<br \/>\nma\u00dfgeblich f\u00fcr den Bilderschatz in seinem Kopf.<br \/>\nDiese K\u00f6rper entstehen durch Rendering, bei dem aus numerischen Daten eine<br \/>\ndreidimensionale Darstellung errechnet wird und durch Scanning. Salinas erlaubt uns einen<br \/>\nBlick durch die Technik auf den Menschen. Unweigerlich denkt man an Bild gebende High<br \/>\nTech- Verfahren.<br \/>\nDisembodiment: Die Entk\u00f6rperung<br \/>\nVirtualit\u00e4t wird durch das belichtete, hochaufl\u00f6sende, digitale Bild materialisiert. Das Bild<br \/>\ntendiert zum Computergem\u00e4lde und manifestiert sein Motiv und die k\u00fcnstlerische Intention<br \/>\nJos\u00e9 Salinas\u2019.<br \/>\nDie Transformation der K\u00f6rper geschieht durch Konditionen der Umgebung, die zwar selbst<br \/>\nnicht sichtbar sind, jedoch an den Ver\u00e4nderungen der Oberfl\u00e4chen sichtbar werden. Das<br \/>\nInnere der K\u00f6rper scheint nach au\u00dfen zu dringen. Am deutlichsten zeigt sich dies wohl beim<br \/>\nWerk \u201eBody 080\u201c von 2009. Er scheint g\u00e4nzlich dematerialisiert zu sein. Der K\u00f6rper entledigt<br \/>\nsich seiner Substanz und Geist und Seele befreien sich.<br \/>\nMag sein, dass wir mit inneren Bildern konfrontiert werden.<br \/>\nEbenso zeigen Ansichten von physiognomie\u00e4hnlichen Studien [Siehe Serie \u201eSkinned\u201c<br \/>\n(Geh\u00e4utet)], mehr Seelenlandschaften, denn Portraits, in deren direkter Nachfolge diese<br \/>\nArbeiten allerdings stehen.<br \/>\nDie \u00e4lteren Arbeiten zeigen sich in Schwarz-Wei\u00df mit synthetisch gehighlighteten<br \/>\nReflexionen. In den j\u00fcngeren Werken leuchtet vermehrt eine kr\u00e4ftige Farbgebung in Valeurs<br \/>\nvon Pink, Gelb, Rot und Gr\u00fcn.<br \/>\nIn gewisser Hinsicht sind diese Werke als Kombination von einer Art virtuellen Fotografie und<br \/>\nder traditionellen Kunst zu verstehen. Diese \u201eComputer generated Imagineries\u201c werden oft auf<br \/>\nCibachrome belichtet, einem mittlerweile seltenen und recht teuren System, das die Farben<br \/>\nganz besonders intensiv erscheinen l\u00e4sst.<br \/>\nAll seine Werke sind Unikate und keine Auflagenobjekte. Zwar sind es digitale Grafiken, aber<br \/>\ndie soeben referierten Merkmale lassen sie mich dem Grenzbereich zur Computermalerei<br \/>\nzuordnen.<br \/>\nDer menschliche K\u00f6rper hat f\u00fcr Salinas nichts mit Architektur zu tun, auch wenn einiges in<br \/>\nseinem architektonischen Werk in enger Verbindung zu organischen Formen steht. Einzige<br \/>\nParallele ist hier die Zeichnung von Punkten, Linien und Formen.<br \/>\nDie Absicht Salinas ist es, die traditionellen K\u00f6rperstrukturen und Volumina zu befreien und<br \/>\nihnen in seinen Werken neuen Raum und neues Verst\u00e4ndnis zukommen zu lassen. Salinas<br \/>\nwill keinen neuen Menschen bauen, kein Dr. Jekyll oder Frankenstein sein. Doch er will den<br \/>\nWeg frei machen f\u00fcr ein neues K\u00f6rperkonzept, das mit der virtuellen Welt einhergeht.<br \/>\nSalinas\u2019 Kunst ist nicht revolution\u00e4r. Sie ist evolution\u00e4r, denn sie entsteht aus einer Tradition,<br \/>\nohne deren Existenz der K\u00fcnstler seine K\u00f6rper- Raum- Konzepte nicht entwickeln h\u00e4tte<br \/>\nk\u00f6nnen. Noch immer findet auch diese Kunst auf einem zwar sehr modernen, aber dennoch<br \/>\nklassischen Bildtr\u00e4ger statt und nicht in einem Plasma oder einer Nebelkammer.<br \/>\nDurch die Herstellung der Bilder werden die virtuell geborenen Wesen materialisiert und<br \/>\nSalinas kann sie uns auf diese Weise n\u00e4herbringen.<br \/>\nSalinas Schau \u201eCorpus\u201c mag ein Blick in die Zukunft der Kunst sein. Ihre Grundlage jedoch ist<br \/>\ndie Jahrtausende alte Entwicklung der Lust des Menschen sich und seine Welt abzubilden.<br \/>\nDennoch macht das computerdiktierte 21. Jh. schier unendlich vieles m\u00f6glich und provoziert<br \/>\nuns auf intellektueller Ebene Tradiertes neu zu denken. Dies k\u00f6nnen wir als Chance<br \/>\nwahrnehmen.<br \/>\nJos\u00e9 Salinas hat schon l\u00e4ngst damit begonnen, diese Chance zu nutzen.<br \/>\nVielen Dank f\u00fcr Ihre Aufmerksamkeit.<\/p>\n<\/div><\/div><\/div><\/div><\/div><\/div><\/section>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[29,14],"tags":[],"class_list":["post-24693","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-29","category-archiv"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kunstverein-bamberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/24693","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/kunstverein-bamberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kunstverein-bamberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstverein-bamberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstverein-bamberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=24693"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/kunstverein-bamberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/24693\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":24695,"href":"https:\/\/kunstverein-bamberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/24693\/revisions\/24695"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kunstverein-bamberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=24693"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstverein-bamberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=24693"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kunstverein-bamberg.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=24693"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}